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Angststörungen

Bei vielen psychischen Problemen spielt Angst eine maßgebliche Rolle. Wann spricht man von einer Angststörung, und welche Arten von Angststörungen lassen sich unterscheiden?

Angst ist eine natürliche und wichtige Emotion

Angst ist eine wichtige Emotion, die uns im Laufe der Evolution wie auch unserer persönlichen Entwicklung immer wieder auf Gefahren hingewiesen hat und damit einen wichtigen Beitrag zum Überleben leistet. Wenn sich auch die Gefahren innerhalb von Jahrtausenden stark verändert haben, gibt es heute nach wie vor Situationen, in denen Angst sehr sinnvoll ist und uns zum schnellen Handeln motiviert. Ein wiederkehrender plötzlicher Schmerz in der Brust mag Angst auslösen und führt uns dazu, einen Arzt aufzusuchen, der mögliche Krankheiten feststellen kann. Damit können schlimmere Konsequenzen verhindert werden.

Wenn Ängste das Leben einengen - Angststörungen

Allerdings kommt es vor, wir auch dort Bedrohungen wahrnehmen, in denen objektiv keine oder nur unwahrscheinlich geringe Bedrohung besteht. Wir erleben Angst dann zu häufig und meistens unnötig. Sie ist hier keine Hilfe bei Problemen mehr, sondern wird selbst zum Problem.
Von einer Angststörung spricht man, wenn häufige, langandauernde und unrealistische Angst zu deutlichem Leiden bzw. zu deutlicher Beeinträchtigung in der normalen Lebensführung einer Person führt.
Diese Beeinträchtigungen können den Beruf, die Privatsphäre oder den Freizeitbereich einer Person betreffen. Je nach Art der Angst unterscheidet man dabei verschiedene Angststörungen.

Psychologische/psychotherapeutische Behandlung

Viele Menschen (vielleicht sogar die meisten) erleben im Laufe ihres Lebens mindestens eine Panikattacke. Nur bei einem Teil dieser Personen entwickelt sich jedoch eine Störung und damit verbundene Belastung und Beeinträchtigung in Beruf und Freizeit.

Die Betroffenen versuchen sich zu schützen

Personen, die bereits einmal eine schwere Panikattacke erlebt haben, möchten sich natürlich schützen. Sie befürchten, dass mit ihrer Gesundheit etwas ernstlich nicht in Ordnung ist, und diese Reaktion ist zunächst auch sehr sinnvoll und wichtig. Denn tatsächlich gibt es bestimmte organische Erkrankungen, die Angstanfälle auslösen können. Sollte eine dieser Erkrankungen vorliegen, muss sie auch medizinisch behandelt werden.

Als häufiger erster Ansprechpartner kann der Hausarzt jedoch bei einer Panikstörung keine (oder keine ausreichende) organische Ursache finden. Es wird etwa abgeklärt, ob das Herz in Ordnung ist oder eine andere Krankheit vorliegt, die den beängstigenden Vorfall erklären könnte. Manchmal werden die Betroffenen an einen Internisten oder Kardiologen weiterverwiesen, der ebenfalls keine Auffälligkeiten feststellen kann. Bei bestimmten Symptomen wie starkem Schwindel oder Sehschwierigkeiten wird schließlich unter Umständen ein Neurologe oder Psychiater hinzugezogen, der wiederum keine organischen Krankheiten finden kann. Vielleicht wird auch eine Computertomografie (CT) gemacht, um festzustellen, ob ein Tumor vorliegt. Alle Befunde sagen jedoch, dass die Person körperlich gesund ist!

Wenn diese ärztlichen Untersuchungen auch manche Personen eine Zeit lang beruhigen können, passiert es doch sehr häufig, dass viele Betroffene von der ersten Panikattacke an ihren Körper sehr genau unter die Lupe nehmen. Sie beobachten alle Empfindungen und Missempfindungen, die auf eine unmittelbare Gefahr wie z.B. Herzinfarkt hinweisen könnten. Man nennt diesen Prozess selektive Aufmerksamkeit.

Selektive Aufmerksamkeit bedeutet, dass Betroffene ihre Aufmerksamkeit ganz auf körperliche Reaktionen richten, damit sie so rasch wie möglich reagieren können, wenn etwas Unerklärliches passiert, das auf eine neuerliche Attacke hinweisen könnte. Sie möchten sich selbstverständlich schützen und kontrollieren genau und häufig, was mit ihrem Körper los ist.

Diese selektive Aufmerksamkeit hat jedoch auch einen gewichtigen Nachteil. Durch sie werden viele körperliche Empfindungen, die normalerweise völlig unbeachtet bleiben (z.B. leichte Kopfschmerzen, leichter Schwindel nach einer Zigarette oder einer Tasse Kaffee) ganz in den Mittelpunkt des Bewusstseins gerückt und viel intensiver wahrgenommen als dies üblicherweise der Fall ist.
Damit ist die selektive Aufmerksamkeit ein erster Faktor, der dazu beiträgt, dass neuerliche Panikattacken sogar wahrscheinlicher werden. Anstatt das Risiko für eine weitere Panikattacke zu verringern, führt die selektive Aufmerksamkeit dazu, dass leichte körperliche Veränderungen sofort wahrgenommen werden und Angst auslösen!

Angst vor der Angst

Ein zweiter wichtiger Faktor neben der selektiven Aufmerksamkeit ist die "Angst vor der Angst". Betroffene haben Angst vor dem Auftreten einer weiteren Panikattacke. Man nennt diese Angst auch Erwartungsangst. Diese Erwartungsangst taucht nicht in plötzlichen Attacken auf, sondern zeigt sich vielmehr als ständiges Besorgt- und Ängstlich-sein, das über Stunden, Tage oder sogar Wochen andauern kann und oft als sehr belastend erlebt wird.

Erwartungsangst ist einmal dafür verantwortlich, dass Personen bestimmte Situationen vermeiden, in denen eine Panikattacke auftreten könnte (d.h. sie entwickeln "Agoraphobie"). Erwartungsangst führt aber auch dazu, dass sich die Person permanent in einem Zustand von Stress befindet. Damit sind wiederum mehr körperliche Anzeichen vorhanden, die als bedrohlich bewertet werden können!
Die Angst vor einer neuerlichen Panikattacke hat also leider zur Folge, dass Panikattacken nun tatsächlich leichter vorkommen können! Damit führt Erwartungsangst genau zu diesen Angstanfällen, die man so sehr fürchtet!

Die Betroffenen suchen eine Erklärung für ihre unerklärlichen körperlichen Symptome.

Betroffene Menschen, die eine Panikattacke erlebt haben, versuchen natürlich auch eine mögliche Ursache für den sehr belastenden Vorfall zu finden. Aus diesem Grund gehen sie ja auch zum Arzt, von dem sie Aufklärung erhoffen. Sie haben aber gleichzeitig auch ihre eigenen Vorstellungen zu den bedrohlichen körperlichen Symptomen. Die folgenden Befürchtungen bei Angstanfällen wurden als die häufigsten bei Panikstörung identifiziert:

Häufige Befürchtungen bei Angstanfällen

        "Ich muss mich gleich übergeben!"
        "Ich werde in Ohnmacht fallen!"
        "Ich muss einen Hirntumor haben!"
        "Ich werde einen Herzanfall bekommen!"
        "Ich werde ersticken!"
        "Ich werde mich lächerlich benehmen!"
        "Ich werde blind werden!"
        "Ich werde mich nicht kontrollieren können!"
        "Ich werde jemandem etwas antun!"
        "Ich werde einen Schlaganfall bekommen!"
        "Ich werde verrückt werden!"
        "Ich werde schreien!"
        "Ich werde Unsinn reden oder stammeln!"
        "Ich werde vor Angst erstarren!"

(aus ACQ - anxiety cognitions questionnaire, Chambless et al., dt. Margraf et al. 1993)

Hinter der Angst vor bestimmten körperlichen Symptomen (also etwa den Beklemmungsgefühlen, Herzklopfen, Schwindel etc.) stehen also praktisch immer eine oder mehrere Befürchtungen darüber, was passieren könnte, wenn der Angstanfall außer Kontrolle gerät. Diese Befürchtungen beziehen sich auf körperliche oder psychische Katastrophen (z.B. Herzinfarkt, Verrückt-werden, Ersticken etc.) und spielen eine zentrale Rolle.

Personen, die Angst vor einem Herzinfarkt haben, erleben vor allem starkes Herzklopfen und Herzrasen als bedrohlich, während Personen, die Angst haben verrückt zu werden, eher Unwirklichkeitsgefühle und Schwindel fürchten.

Diagnostik durch die/den TherapeutIn

Zunächst ist es natürlich wichtig zu klären, ob körperliche Ursachen für die Panikattacken (z.B. Schilddrüsenüberfunktion, Herzfehler) vom Arzt ausgeschlossen werden konnten. Ist dies der Fall, muss die/der PsychotherapeutIn weiter klären, ob noch andere Problemfelder (z.B. depressive Stimmungen, Partnerprobleme oder ähnliches) vorhanden sind, die berücksichtigt werden müssen. 

Vermittlung von Informationen zu Panikattacken und therapeutische Aufarbeitung

Der zweite Schritt in der Therapie ist die Vermittlung von Informationen zu Panikattacken, zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Störung, zur Funktion von Sicherheitsverhalten, der Angst und zur Therapie. D.h. PsychotherapeutInnen vermitteln ihren PatientInnen im wesentlichen diese Informationen.

Therapeutische Aufarbeitung

In der Psychotherapie ist es im weiteren Ziel, neue Erlebens- und Handlungssysteme zu entwickeln. Es wird angestrebt, das bisherige Angstmuster und seine Entstehung zu verstehen und damit neues möglichst angstfreies Verhalten aufzubauen.
 
 

Univ. Klinik für Medizinische Psychologie, Anichstrasse 35, A-6020 Innsbruck
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