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Somatoforme Störungen

Somatisierungsstörungen werden seit Jahrhunderten mit einer Vielzahl von sich überschneidenden Diagnosen beschrieben.

Eine Gliederung der verschiedenen Somatisierungssyndrome sei versucht:

  • Allgemeinsyndrom: Neurasthenie, vegetative Dystonie, psychosomatischer Beschwerdekomplex, Briquet-Syndrom, nervöse Beschwerden (Es besteht eine Vielzahl unterschiedlicher wechselnder Organbeschwerden, Schlafstörungen, Erschöpfbarkeit u. a.)
  • Funktionelle Syndrome: Organneurosen (funktionelle Herz-, Atem-, Oberbauch-, Gelenk- sowie Muskelbeschwerden u. a.)
  • Schmerzstörungen: Psychalgie, psychogener Rücken- oder Kopfschmerz u. a.
Im ICD-10 werden diese Störungen unterteilt in:
F45.0 Somatisierungsstörung 
F45.1 Undifferenzierte Somatisierungsstörung 
F45.3 Somatoforme autonome Funktionsstörung 
F45.4 Anhaltende somatoforme Schmerzstörung
 
Gemeinsam ist allen Störungen die wiederholte Darbietung körperlicher Symptome in Verbindung mit hartnäckigen Forderungen nach medizinischen Untersuchungen trotz negativer Ergebnisse und Versicherung der Ärzte, dass die körperlichen Symptome nicht medizinisch begründbar sind (ICD-10).
 
Es sind jedoch nicht nur Beschwerden ohne jeglichen körperlichen Befund angesprochen, es besteht auch die Möglichkeit, dass körperlich begründbare Symptome vorhanden sind, diese jedoch in Art und Ausmaß weit über die organische Entstehung hinausgehen. Des Weiteren wird als bedingend für die Diagnose der somatoformen Störungen vorausgesetzt, dass ein enger Zusammenhang zu unangenehmen Lebensereignissen, Schwierigkeiten oder Konflikten vorhanden ist.
 
Fallbeispiel: Der 40-jährige verheiratete Arzt leidet seit 10 Jahren unter wechselnden körperlichen Beschwerden: Magen-Darmbeschwerden, Übelkeit, Schmerzen und Aufstoßen, verschiedenste Körperschmerzen sowie Kopfschmerzen, Schulter-Rückenschmerzen, Hautbrennen usw. Im Vordergrund stehen seit einem Jahr Schmerzen im Bereich der gesamten Brust mit Ausstrahlung in den linken Arm und das linke Bein in Form von Parästhesien. Die Ähnlichkeit zu Angina-pectoris-Anfällen führte zu einer aufwendigen kardiologischen Abklärung. Obwohl selbst Arzt, ist der Patient nur mühsam davon zu überzeugen, dass es keine körperliche Ursache für seine Symptome gibt. Zunehmend erkennt er einen eindeutigen Zusammenhang zwischen den Beschwerden und den beruflichen sowie familiären Spannungen. Nach mehreren Gesprächen verdeutlicht sich die zerrüttete eheliche Situation: Seit 10 Jahren mit einer MTA verheiratet wurden zwei Töchter geboren. Während er sich als konflikt- und harmoniesüchtig beschreibt, macht ihm seine Ehefrau das Leben „zur Hölle“. Sie sei unzufrieden, widerspreche ihm fortlaufend bzw. spreche gar nicht mehr mit ihm und wolle seine Berufskarriere nicht mehr mittragen. Herr A. hat 2 jüngere Brüder, beide mit „seelischen Auffälligkeiten“. Als Grund für diese Familienauffälligkeit sieht Herr A. die pflegebedürftige Großmutter. Diese lebte bis zu seinem 17. Lebensjahr in der Familie und forderte alle Aufmerksamkeit der Mutter und des Vaters, Aufmerksamkeit, die den Kindern gefehlt habe. In seiner Kindheit war er Einzelgänger und erst im Studium „taute ich auf“. Er lernte dann seine Frau, seine erste Intimpartnerin, kennen und heiratete sofort.
 
Die Somatisierungsstörung (F45.0) umfasst multiple, häufig wechselnde körperliche Symptome, die bereits seit einigen Jahren bestehen. Diese schwerste Form ist eher selten anzutreffen mit einer lebenslangen Prävalenz von 0,1 bis 0,3 %.
 
Von wesentlich größerer Bedeutung sind die somatoforme Schmerzstörung und die somatoformen autonomen Funktionsstörungen (früher funktionelle Störungen).
 
Die Schmerzstörung ist gekennzeichnet durch andauernde schwere quälende Schmerzen, die durch einen physiologischen Prozess oder eine körperliche Störung nicht erklärt werden können. Der Schmerz steht in enger Verbindung mit emotionalen Konflikten und psychosozialen Problemen. Schmerzen aufgrund bekannter psycho-physiologischer Zusammenhänge, wie Muskelverspannungsschmerzen (Spannungskopfschmerzen) oder Migräne werden hierunter nicht gefasst.
 
Bei der somatoformen autonomen Funktionsstörung schildert der Patient Beschwerden, die eine körperliche Erkrankung des Systems oder eines Organs nahelegen - eines Organs, das weitgehend oder vollständig vegetativ kontrolliert wird. Wiederum ist ein enger Zusammenhang zu psychischen Belastungsfaktoren, Schwierigkeiten und Problemen der Patienten zu fordern.
 
Die Diagnostik somatoformer Störungen setzt eine sorgfältige organmedizinische Klärung voraus.
Bereits die ersten Untersuchungen aus den 50er Jahren zeigten, dass funktionelle Syndrome (somatoforme Störungen) gewöhnlich chronisch verlaufen, aber im Allgemeinen das soziale und berufliche Leben des Patienten nicht schwerwiegend beeinträchtigen.
 
Grundsätzlich gilt die allgemeine Regel der medizinischen Prognostik: Der akute Ausbruch geht mit günstigem Verlauf, der schleichende Beginn eher mit ungünstigem Verlauf einher. Günstig ist eine emotionale und intellektuell gut entwickelte Persönlichkeit, ungünstig das Gegenteil.
 

Psychosomatische Aspekte

Für die Entstehung somatoformer Störungen müssen wir ein komplexes Wechselspiel von alltäglichen Missempfindungen, Regulationsstörungen, Belastungsfaktoren und persönlichen Verarbeitungsmöglichkeiten heranziehen. Im Organismus entstehende oder an den Organismus herangetragene Veränderungen führen zu Funktionsänderungen (oder Beschwerden) und entsprechenden Empfindungen, diese werden wiederum emotional verarbeitet und bewältigt. Somatisch entgegenkommende Faktoren, Persönlichkeitsfaktoren oder auch Umweltfaktoren (Anerkennung als Erkrankung) können zu einer Fortführung der Funktionsstörung führen.

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