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Persönlichkeitsstörungen

Persönlichkeitsstörungen sind belastende und problematische Muster des Erlebens und Verhaltens, die manchmal über Jahrzehnte andauern können. Die betroffenen Personen kennen sich selbst nicht anders, sie waren immer schon so, die Probleme sind praktisch Teil der Persönlichkeit.

Ein depressiver Mensch etwa kann sich gut daran erinnern, wie es ist, sich wohl zu fühlen, gesund zu sein. Er weiß damit auch, dass seine Stimmung und sein depressives Denken eine Störung darstellen, die er gerne loswerden würde, wenn er auch nicht weiß wie.

Ein Mensch mit einer Persönlichkeitsstörung hingegen merkt häufig nicht, dass er unter einer Störung leidet, weil er sich selbst einfach nicht anders kennt. Er kann sich nicht vorstellen, anders zu denken oder zu empfinden, obwohl er durch seine Probleme sehr belastet ist.

Eine Persönlichkeitsstörung ist erst dann gegeben, wenn mehrere Kriterien erfüllt sind:

  • So muss erstens (1) die Schwierigkeiten deutlich von den üblichen Erwartungen des Umfelds abweichen.
  • Die Probleme müssen (2) in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter begonnen haben und während der meisten Zeit im Erwachsenenalter feststellbar sein. Man würde also nicht von einer Persönlichkeitsstörung sprechen, wenn eine Person etwa alle 5 Jahre ein paar Monate Konflikte mit ihrer Umgebung hat, auch wenn diese Konflikte sehr heftig sind. Die Schwierigkeiten müssen durchgehend vorhanden sein.
  • Die Schwierigkeiten zeigen sich weiterhin nicht nur mit einzelnen Personen (etwa ein immerwährender heftiger Streit mit der Mutter), sondern in verschiedenen zwischenmenschlichen Bereichen (z.B. Streit mit der Familie, Arbeitskollegen und Freunden). Das heißt, die Verhaltensmuster sind (3) unflexibel und starr. Unabhängig von der jeweiligen Person wird sehr ähnlich reagiert.
  • Und das Verhaltensmuster muss (4) in deutlicher Weise zu Leiden oder Beeinträchtigung in den sozialen Kontakten, im Beruf oder anderen wichtigen Bereichen führen. Mit den Betroffenen leiden bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen häufig auch die nahen Bezugspersonen (Eltern, Partner, Kinder) und Freunde. Wenn weder die Person selbst noch andere Personen leiden, spricht man nicht von einer Störung, auch wenn sich die Person vielleicht etwas schrullig oder ungewöhnlich verhält.

Wenn alle diese Punkte klar gegeben sind, spricht man von einer Persönlichkeitsstörung. Störungen der Persönlichkeit sind sehr starke Ausformungen von normalen Eigenschaften. Jeder hat Konflikte, wechselhafte Stimmungen und Gefühle etc., aber nur ein Teil von uns leidet an einer Persönlichkeitsstörung!

Es gibt eine Reihe verschiedener Persönlichkeitsstörungen.

Neben der Borderline-Persönlichkeitsstörung unterscheidet man etwa

  • eine ängstlich vermeidende Persönlichkeitsstörung (starke Schüchternheit und soziale Angst während des gesamten Lebens),
  • eine schizoide Persönlichkeitsstörung (starker Rückzug von und wenig Interesse an sozialen Kontakten, begrenztes Vermögen, Gefühle auszudrücken oder Freude zu empfinden),
  • eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung (permanente Gefühle von Zweifel, Perfektionismus und übertriebene Gewissenhaftigkeit, Vorsicht und Halsstarrigkeit),
  • eine abhängige Persönlichkeitsstörung (starke Abhängigkeit bei kleineren und größeren Entscheidungen von anderen Personen, Hilflosigkeit, Trennungsangst) und einige mehr.

Allerdings lassen sich die einzelnen Störungen nicht immer klar voneinander abgrenzen, d.h. bei einer Person kommen häufig Merkmale von mehreren dieser Störungen vor.

 

Skills-Training für Borderline-PatientInnen an der Medizinischen Psychologie

An der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie der Medizinischen Universität Innsbruck wird ab Jänner 2014 eine therapeutische Gruppe für Borderline-PatientInnen laufend angeboten.

Dieses Skills-Training integriert empirisch abgesicherte therapeutische Zugänge (Dialektische Verhaltenstherapie bei Borderline-Störungen, Schematherapie) in einer Jahresgruppe, die in 2-stündigen wöchentlichen Sitzungen abgehalten wird. Diese Gruppe soll im Verlauf des ersten Jahres eine maximale TeilnehmerInnenzahl von 10 Personen umfassen. In der 6-monatigen Pilotphase beginnend Mitte Januar werden 6 Personen in die Gruppe aufgenommen.

Für jeweils 6 Monate wird die Gruppe als geschlossene Gruppe geführt, nach je 6 Monaten sind Neuaufnahmen möglich. Die TeilnehmerInnen verpflichten sich für den Zeitraum von mindestens 1 Jahr zur regelmäßigen Teilnahme. Es ist außerdem verbindlich, dass sich die PatientInnen im Zeitraum der Teilnahme an der Gruppe in einer parallelen Einzeltherapie befinden, die vor allem in krisenhaften Zeiten eine zentrale Anlaufstelle bleiben muss.

Das Konzept sieht 5 wesentliche Module vor, die innerhalb von 6 Monaten durchlaufen werden. Da sich die TeilnehmerInnen für mindestens 1 Jahr verpflichten, durchlaufen sie die Module also wenigstens zwei Mal. Diese 5 Module sind:

Modul "Innere Achtsamkeit": zielt auf die Vermittlung von Fertigkeiten ab, Gefühl und Verstand in Einklang zu bringen. Dabei werden keine ausgedehnten formalen Meditationsübungen vermittelt, wie dies in einer Reihe anderer achtsamkeitsbasierter Ansätze praktiziert wird. Vermittelt werden alltagsnahe, kurze "informelle" Übungen zur Stärkung von nicht-bewertender Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt als übergreifende Fertigkeit für alle anderen Module.

Modul "Zwischenmenschliche Fertigkeiten": beinhaltet die Vermittlung von Fertigkeiten zur sozialen Kompetenz u.a. im Umgang mit Situationen, die Selbstsicherheit und Konfliktbewältigung erfordern. Dabei werden soziale Situationen der TeilnehmerInnen immer wieder systematisch analysiert und problemlöseorientiert für nachfolgende Übungen im Alltag aufbereitet.

Modul "Umgang mit Gefühlen": Die emotionale Dysregulation steht im Zentrum der Borderline-Störung und ist mit häufigen Schwierigkeiten verbunden, Emotionen bei sich und anderen zu differenzieren und einzuordnen. In diesem Training zur Emotionsregulation werden zentrale Elemente des emotionalen Erlebens und Verhaltens bearbeitet und das Verständnis für die eigenen Reaktionen systematisch gestärkt.

Modul "Stresstoleranz": In Zeiten von intensiver Anspannung werden Strategien erarbeitet und in ihrer Wirkung für die TeilnehmerInnen analysiert, die kurzfristige Überbrückung dieser emotionalen Krisen ermöglichen sollen. Dabei sollen TeilnehmerInnen eine idiosynkratische Sammlung von wirkungsvollen kurzfristigen Hilfen aufbauen, die sie regelmäßig einsetzen sollen. Das Ziel ist verstärktes Annehmen von eigenem Leiden und Toleranz von negativen Emotionen und damit mehr Stresstoleranz.

Modul "Fürsorglicher/akzeptierender Umgang mit sich selbst": Selbstkritik und Selbstabwertung bis hin zu Selbsthass sind sehr häufige Merkmale des Leidens von PatientInnen. In diesem Modul werden Elemente der Schematherapie (Jeffrey Young) integriert, die das Ziel haben, die negative Rolle der Selbstkritik zu erarbeiten und vorwiegend über Imaginationsübungen einen stärker akzeptierenden und fürsorglichen Umgang mit den bisher abgelehnten Teilen des Selbst aufzubauen.

 

 

 

Univ. Klinik für Medizinische Psychologie, Anichstrasse 35, A-6020 Innsbruck
Tel.: +43(0)50 504-26117, Fax: +43(0)50 504-26232